Geschichte
kath. Pfarrkirche St. Martin
Pfarrkirche St. Martin
Zur architektonischen Bedeutung
der kath. Pfarrkirche St. Martin
in Gau-Bickelheim

E i n B a u w e r k i m R u n d b o g e n s t i l
Das Bistum Mainz verfügt über einen nicht unbedeuteten Denkmälerbestand an Sakralbauten aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Bekannte Architekten wie Max Meckel und Ludwig Becker schufen hier beachtenswerte neugotische und neuromanische Kirchen, die sich, vom Stildogma dieser Zeit bestimmt, weitgehend an mittelalterlichen Vorbildern orientieren und nur an der Grundrissbildung , der Baukonstruktion sowie an der Kombination und Variation der Details die eigentliche schöpferische Potenz ihrer Architekten erkennen lassen. (1)
Anders verhält es sich mit den architektonischen Zeugnissen der Zeit vor der Jahrhundertmitte. Zum einen sind nur wenige Bauwerke vergleichbarer Größe entstanden, zum anderen zeigen sie einen völlig anderen künstlerischen Ansatz. (2) Noch stark dem vorausgehenden Klassizismus verpflichtet, offenbaren sie den Versuch einer Verschmelzung antiker und mittelalterlicher Stilelemente. Viele Architekten der damaligen Zeit sahen in einer solchen Synthese die beste Möglichkeit, einen „neuen Stil“, einen „Stil der Gegenwart“ zu entwickeln. Denn trotz Rückgriffen auf geschichtliche Vorbilder sollte keineswegs einer einseitig ausgerichteten stilistischen Dogmatisierung Vorschub geleistet, sondern vielmehr die schöpferische Eigenständigkeit und freie Entwicklung der Baukunst gefördert werden.
Um einen solchen Bau im „Rundbogenstil“(3) handelt es sich bei der Pfarrkirche St. Martin in Gau-Bickelheim. Aufgrund ihrer Größe und architektonischen Qualität gehört sie zu den wenigen herausragenden Beispielen dieser Stilrichtung im Bistum Mainz und verdient deshalb eine besondere kunsthistorische Beachtung und Würdigung.
Der Architekt
Wenn auch der Großherzoglich-hessische Kreisbaumeister Ludwig Rhumbler als Architekt sicherlich keine überregional bedeutende Rolle gespielt hat und zeitlebens im Schatten des berühmten Baumeisters Georg Moller (4) stand, offenbaren ihn die wenigen Bauten, die er schuf, als typisches Kind seiner Zeit. 1803 in Darmstadt geboren, wurde er nach seiner Ausbildung und ersten architektonischen Gehversuchen schließlich in Alzey ansässig, wo er als Kreisbaumeister für die Planung und Durchführung aller öffentlichen Bauvorhaben bis zu seinem Ruhestand 1868 verantwortlich war. Die Bauten, die während seiner Amtszeit im Kreis entstanden, zeigen eine eindeutige Abkehr vom Klassizismus und Hinwendung zu einer neuen, historisch orientierten Baukunst, die im mittelalterlichen Umfeld ihre Vorbilder suchte. Es war die logische Konsequenz einer neuen Geisteshaltung, die mit ihrem Interesse für nationale Geschichte auch die Romanik und Gotik wieder zu schätzen begann. Dem griechisch-römischen Altertum stellte man nun das deutsche Mittelalter, dem Heidnischen das Christentum, der Vernunft das Gemüt gegenüber. Eine Sehnsucht nach der Vergangenheit und der Wunsch nach Erneuerung der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung nach christlich nationalen Maximen bestimmte das Denken. Das Mittelalter nahm in der Interpretation den Charakter des Heilen, Treuen, Tugendhaften an; die mittelalterlichen Bauwerke erschienen in vielem nun vorbildlich, und nach einer Unterbrechung von mehreren Jahrhunderten begann man wieder in den verschiedensten Teilen Deutschlands gotisierend und romanisierend zu bauen. Folgerichtig stellte Ludwig Rhumbler das 1689 durch Brand zerstörte und seitdem profan genutzte Langhaus der evangelischen Stadtkirche in Alzey konsequent im gotischen Stil her (1844-48) und errichtete auch die Bauten der neuen Alzeyer Synagoge (1852-54) und der Leichenhalle (1867) in historisierenden Formen. 1870 arbeitete er im Schloss und führte dort Restaurierungsarbeiten durch. Im Ortsteil Weinheim renovierte er 1855 die evangelische Kirche, ebenso 1854 die in Armsheim und in Stein-Bockenheim baute er an die evangelische Pfarrkirche 1866-69 den neugotischen Turm. Eines seiner letzten nachweisbaren Objekte war 1868/69 die Restaurierung des romanischen Turmes der evangelischen Kirche in Wonsheim.
Das Hauptwerk von Ludwig Rhumbler, der hochbetagt 1890 in Alzey verstarb und auf dem dortigen Friedhof beigesetzt wurde, war jedoch zweifelsohne die Martinskirche in Gau-Bickelheim. An ihr manifestierten sich alle seine architektonischen Idealvorstellungen und schließlich seine Vorliebe für den Rundbogenstil.
Die Theorie
Wie andere Architekten seiner Zeit erkannte auch Rhumbler die Problematik, die mit einer Wiederbelebung und Wiederaufnahme stilgerechter Formen verbunden war. Insbesondere Heinrich Hübsch in Karlsruhe hatte in seinen Schriften von der „Nachahmungssucht“ gewarnt und zur Entwicklung eines neuen zeitgemäßen Stils aufgerufen. (5)
Die seit Beginn des 19. Jahrhunderts immer intensiver werdende baugeschichtliche Forschung, Stütze und Halt in der Unsicherheit der Kunstprinzipien, wurde immer mehr zu einem Machtfaktor. Mit wachsender Kenntnis der Stile und ihrer Gesetze begann man auch die richtige Anwendung der Formen zu fordern.
Die Architekten begriffen auf Grund der gesammelten Erfahrungen recht bald, dass sie auf dem Wege bloßer Kombination stilgeschichtlicher Formen weder den Bauaufgaben ihrer Zeit, noch den Forderungen der Kunst nach eigenständiger Entwicklung gerecht werden konnten. Vielmehr musste die Architektur von der Basis her, der „Notwendigkeit“ und „Zweckmäßig-keit“ erneuert werden. Sie bekannten sich damit zu einem Ideal, wie es Karl Friedrich Schinkel 1834 in ähnlicher Weise formuliert hatte: „Das Ideal in der Baukunst ist nur dann völlig erreicht, wenn ein Gebäude seinem Zwecke in allen Teilen und im Ganzen in geistiger und physischer Rücksicht vollkommen entspricht. Es erfolgt hieraus schon von selbst, dass das Streben nach dem Ideal in jener Zeit sich nach den neu eintretenden Anforderungen modifizieren wird …, dass auch ganz neue Erfindungen notwendig werden, um zum Ziele zu gelangen …“ (6)
Dahinter stand die Vorstellung, aus der Kenntnis und Verfügbarkeit historischer Formen und Stile durch Variation, Modifikation und Adaption einen neuen Stil zu gewinnen, einen Stil, der den Anforderungen der Gegenwart in geistiger und technischer Hinsicht besser entsprach als der antike. Hierbei bevorzugte Rhumbler – wie andere – den Rundbogenstil, der ihm in konstruktiver und formaler Hinsicht geeigneter erschien als das Bauen in gotischen Formen. Wegen seiner Schlichtheit, Einfachheit der Gliederungen und seiner Variabilität war er schon aus praktischen Erwägungen die bessere Wahl: die Spannweite des Rundbogens war sowohl dem Spitzbogen als auch dem waagrechten Sturz der griechischen Architektur überlegen und die Bauten verlangten – im Unterschied zur Gotik – keine Höhenentwicklung. Vor allem war er in der Ausführung billiger. Der Architekt hatte bald einsehen müssen, dass bei der Armut des Landes, insbesondere bei den Kirchenbauten, mit aller Zurückhaltung geplant werden musste. Der gotische Stil mit kostspieligen Steinmetzarbeiten und aufwendigen Gewölbekonstruktionen schied daher von vorneherein aus. Der Rundbogenstil hingegen stellte dem Architekten die Wahl der einzelnen Bautypen und Architekturformen weitgehend frei. Hier konnte er zwischen Flachdecke und Gewölbe entscheiden, zwischen einem Saal, einer Halle oder einem basilikalem Raumschema wählen. Beim Entwurf des Außenbaus war auf keine Strebepfeiler oder dergleichen Rücksicht zu nehmen, und vor allem fielen die hohen Dächer weg. Die Wandgestaltung selbst war nach dem Prinzip der Flächenordnung und Gliederung der Massen durch Lisenen auf einfache Weise zu bewerkstelligen.
Die wichtigste Voraussetzung für einen gelungenen Entwurf sahen die führenden Architekten der damaligen Zeit in der Wahl richtiger Proportionen, einer gut durchdachten Anordnung und Gruppierung der Fenster und Portale sowie passender Gesimse und Fenstereinfassungen. Eng damit verbunden war die Forderung nach Konstruktionswahrheit, die ihrerseits wiederum maßgeblich auf die Stilbildung Einfluss hatte.
Eine Fassade sollte schon an ihrem Äußeren die innere Aufteilung des Gebäudes erkennen lassen, die innere Raumdisposition widerspiegeln. Selbst die Detailformen sollten aus der Konstruktion heraus entwickelt werden. Rhumbler folgte damit Vorstellungen, wie sie bereits Karl Friedrich Schinkel, Friedrich von Gärtner und vor allem Heinrich Hübsch vertreten hatten. (7)
Eine nicht unwesentliche Rolle spielte auch das Baumaterial. Schon im Klassizismus wurde mit Nachdruck gefordert, nur echtes Material zu verwenden; aller Schein, alle „illusionistische Maskerade“, wie sie das Barock geliebt hatte, wurde abgelehnt. Der Kampf galt vor allem dem „verschleiernden Verputz“: „das Material spreche für sich“ forderte 1834 Gottfried Semper. „Backstein erscheine als Backstein, Holz als Holz, Eisen als Eisen, ein jedes nach den ihm eigenen Gesetzen der Statik.“(8)
Über seine ästhetische Wirkung hinaus wurde nun das Material auch als Bedeutungsträger gesehen. Nutz- und Zweckbauten beispielsweise sollten an ihren einfachen, weniger kostspieligen Backsteinmauerwerk erkennbar sein, anspruchsvollere Gebäude hingegen als Hausteinmauerwerk ausgeführt werden. Farbe sollte indessen künftig nur zur Unterstreichung und Belebung der Architektur eingesetzt werden.
Als letztes architektonisches Ausdrucksmittel stand der Bauschmuck zur Verfügung. Doch spielte er bei fast allen Vertretern des Rundbogenstils eine untergeordnete Rolle, war nur zur Ergänzung dessen gedacht, was Form, Konstruktion, Material und Stil nicht mehr auszudrücken imstande waren. Durch möglichst sparsame Anwendung sollte jede kleinliche Wirkung vermieden werden.
Das Ergebnis
Als Ludwig Rhumbler 1844 den Auftrag zum Entwurf der katholischen Kirche in Gau-Bickelheim erhielt, war er sich der großen Chance bewusst, die sich ihm baukünstlerisch bot. Es entstand in der Tat zwischen 1845 und 1853 ein Bauwerk, das sich nicht nur durch eine beachtenswerte Qualität auszeichnet, sondern auch die Summe der Ergebnisse der oben erwähnten architekturtheoretischen Überlegungen wiederspiegelt.
Das Kirchengebäude überrascht zunächst durch seinen äußerst großzügigen architektonischen Eindruck. Der Grundriss verrät noch ganz und gar den klassizistisch geschulten Architekten. Rhumbler legt dem Schiff die Form des Rechtecks zugrunde, in dem bis auf den ausgeschiedenen Chorraum alle Funktionsbereiche untergebracht sind. Er folgt damit weitgehend den Architekturregeln der damaligen Zeit, die verlangten, möglichst auf Anbauten wie Kapellen und Sakristeien zu verzichten, um nicht „durch Anflicken von dergleichen … die Form zu verderben …“(9)
Der Kirchenraum selbst präsentiert sich als dreischiffige Hallenanlage mit einem breiten Mittelschiff und zwei schmaleren Seitenschiffen mit jeweils vier Jochen. Die ästhetische Wirkung wird in erster Linie durch edle Einfachheit und Strenge erzielt. Ungewöhnlich hohe und weitgespannte Bögen auf achteckigen Pfeilern tragen eine ursprünglich kassettierte, der Jochgliederung entsprechende Flachdecke. Die Stützen sitzen auf hohen, zweifach gestuften quadratischen Postamenten und enden mit Palmetten verzierten Kapitellen. Die bewusste Sparsamkeit macht das Dekorative umso unentbehrlicher. Das Ornament bleibt nicht zufälliges Beiwerk, sondern unterstreicht den Charakter des Bauwerks. So treten die Schmuckkonzentrationen nur an den Stellen auf, die besonders akzentuiert werden sollen: nämlich an den Pfeilerabschlüssen mit ihren Kapitellen. Der Eindruck von Weite und Größe des Raumes entspricht ganz der spätklassizistischen Ästhetik, die im Unterschied zur nachfolgenden Zeit des dogmatischen Historismus auf Übersichtlichkeit und Ausgewogenheit größten Wert legt.
Der Chorraum in der Breite des Mittelschiffs schließt polygonal ab. Die Wände der fünf Seiten besitzen eine hohe Sockelzone, über der in Blendarkarden u.a. zwei Fenster für die Belichtung sorgen. Noch stärker von spätklassizistischen Architekturvorstellungen getragen ist der Außenbau der Kirche. Vom Ideal antiker Baukunst ausgehend, spielen zunächst alle Aufbauten eine untergeordnete Rolle. Die Einheitlichkeit und Geschlossenheit des Baukörpers ist überzeugend, keine verschieden hohen First- oder aufsteigenden Giebellinien tragen zu unruhig wirkender Differenzierung des Gesamtbildes bei. Die Dächer werden so flach gehalten, dass sie trotz geringer Ausladung der Dachgesimse nicht in Erscheinung treten. Die Betonung liegt allein auf dem Kubus in Form eines großes Rechteckblocks, dem der Chor und zwei flankierende Sakristeibauten in bescheidener Weise angefügt sind.
Charakteristisch für die klassizistische Tradition des Rundbogenstils ist das Streben nach Symmetrie, die nahezu völlige Gleichgestaltung der Gebäudeteile beiderseits der Längsachse, der Verzicht auf formale Variation der Details und schließlich auch die Stellung und Anordnung des Turms, der mittig der Fassade vorgesetzt ist. Sein ursprüngliches Erscheinungsbild (10) war darauf berechnet, dass die Blockhaftigkeit des Kirchenschiffs durch den achteckigen, bewusst klein und niedrig gehaltenen Turmabschluß in der Wirkung gesteigert wurde, was eine Monumentalisierung des ganzen Bauwerks zur Folge hatte.
Typische für den Rundbogenstil ist auch die Wandgestaltung. Begrenzt von einem durchlaufenden Sockel und einem hölzernen Dachgesims erfolgt die Rahmung und Gliederung der Langhauswände, Vorder- und Rückseite des Gebäudes mit Lisenen, Rundbogenfriese und Gurtgesimse. Vor allem die Strecklisene, die senkrecht hochgezogene Wandvorlage, ist bestimmendes Gliederungselement. Die Fenster sitzen in der Wandfläche und haben tiefe Gewände. Feine scharfkantige Profilierungen stehen dabei in einem merkwürdigen Widerspruch zu den großen Wandflächen und den relativ grob bearbeiteten Quadersteinen. Damit wird bewusst eine Indifferenzierung der Verhältnisse im Sinne einer Maßstabssteigerung provoziert. Bei Verwendung von Natursteinen, insbesondere bei Sandstein zur Herstellung von Gesimsen, Bauornamentik und dergleichen wurde auf feines Korn Wert gelegt, um ein dichtes Gefüge und lange Haltbarkeit zu garantieren.
Dekor und Bauschmuck werden sparsam nur dort eingesetzt, wo es dem Architekten notwendig erschien. Dabei bedient sich Rhumbler auch gotischer Formen, die sich als Rahmen- und Füllwerk besser eignen als romanische. Dies gilt vor allem für die Verzierung des Turmes und der beidseitigen Fassadenteile mit Blendmaßwerk.
Alle diese Gestaltungselemente haben den Fassaden des Bauwerks eine ganz eigene Prägung verliehen. Die besondere Ästhetik beruht auf der Schichtung und Reliefierung der Wände, der ausgewogenen Gliederung, dem Wechselspiel der Rechteckfelder und seiner Rhythmisierung.
Zusammenfassend kann die St. Martinskirche in Gau-Bickelheim durchaus als eigenständige schöpferische Leistung des 19. Jahrhunderts bewertet werden, bei der eine dem Programm nach entsprechende Modifikation des „byzantinischen Stils“ (11) stattfand. Die historischen Formen werden z.T. umgedeutet und in neuen Zusammenstellungen zur Anwendung gebracht. Stilprägend äußert sich auch die Beibehaltung klassizistischer Stilelemente, die vor allem auf Grundrissgestaltung und Formgebung Einfluss nahmen. Hier bleibt Ludwig Rhumbler trotz Rückgriffs auf jüngere Vorbilder in seinem ästhetischen Empfinden Klassizist und richtet sich weiterhin nach den Gesetzen der antiken Baulehre. Das Ringen zwischen klassizistischen und mittelalterlichen Gestaltungsprinzipien kommt klar zum Ausdruck und führt zu interessanten Kompromisslösungen. Der wohl eher unbewusste Versuch, beide Kunstrichtungen miteinander zu verschmelzen, stellt das eigentlich Schöpferische jener Zeit dar: Während die Grundformen dem Architekturrationalismus des frühen 19. Jahrhunderts verhaftet bleiben – Blockhaftigkeit, glatte Wände, flache Dächer, sparsam rahmende Profile – orientiert sich das dekorative Beiwerk an Vorbildern der byzantinischen und romanischen Architektur.
Im Vergleich mit anderen Kirchenbauten dieser Zeit wird deutlich, dass der Entwurf Rhumblers am Ende einer Entwicklung steht. Das scheint dem Architekten bewusst gewesen zu sein, als er am Außenbau auch auf gotische Formen zurückgriff. Ihre Verwendung als wörtliche Architekturzitate kündet nicht nur den kommenden Historismus an, sie steht auch im Widerspruch zum künstlerischen Credo des Rundbogenstils, der immer von einer Umsetzung und Weiterentwicklung historischer Formen ausging. Denn all die genannten Forderungen nach einer zweck- und inhaltsbezogenen Architektur basieren auf der Vorstellung von einer Umformung tradierter Stilelemente infolge neuer moderner Bauaufgaben. Diese Auffassung spielte Anfang der fünfziger Jahre in der Diskussion um den Maximilianstil (12) eine wichtige Rolle; sie bildete den Kernpunkt in der Architekturtheorie um die Jahrhundertmitte, bis sich schließlich der dogmatische Historismus langsam durchzusetzen begann und andere Gestaltungsprinzipien und Vorstellungen die Architekturszene in Deutschland beherrschten.
Die Pfarrkirche St. Martin in Gau-Bickelheim zählt zweifellos zu den letzten großen Sakralbauten im spätklassizistischen Rundbogenstil im Bistum Mainz, bevor dieser endgültig von der Neuromanik und Neugotik abgelöst wurde. Zwar progressiv im Sinne der Architekturtheorie der vierziger und fünfziger Jahre entworfen, galt die Kirche bereits wenige Zeit nach ihrer Fertigstellung als stilistisch überholt, als „altmodisch“. Die künstlerische Qualität wurde jedoch nie in Frage gestellt, insbesondere die großartige Wirkung des Innenraums.
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(1) |
Besonders eindrucksvoll und für den Historismus der zweiten Jahrhunderthälfte charakteristisch sind die Kirchenbauten von Max Meckel. Im Bistum Mainz entstanden nach seinen Entwürfen u.a. die Rochuskapelle auf dem Rochusberg bei Bingen (1895), St. Cosmas und Damian in Gau-Algesheim (1888) und St. Aposteln in Viernheim (1899). Siehe auch die Monographie von Werner Wolf-Holzäpfel: Der Architekt Max Meckel (1847-1910), Studien zur Architektur und Kirchenbau des Historismus in Deutschland, Lindenberg 2000. |
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(2) |
Aus der ersten Jahrhunderthälfte sind im Bistum Mainz kaum Bauten zu nennen, die in Größe und Qualität an Gau-Bickelheim heranreichen. Als Beispiel einer größeren Kirche im spätklassizistischen Stil wäre lediglich St. Alban in Bodenheim (1829) zu nennen, die jedoch noch keine Merkmale des Rundbogenstils aufweist. |
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(3) |
Die Bezeichnung „Rundbogenstil“ – auch gelegentlich „byzantinischer Stil genannt“ – ist zeitgenössisch und basiert auf architekturtheoretischen Überlegungen. Der Begriff ist weit gefasst und schließt im Grunde alles mit ein, was den Rundbogen zeigte, so beispielsweise auch die italienischen Palastbauten des Quattrocento. |
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(4) |
Georg Moller wurde 1784 in Diepholz (Niedersachsen) geboren und starb 1852 in Darmstadt. Nach seinem Studium bei Weinbrenner in Karlsruhe war er ab 1810 in hessisch-darmstädtischen Diensten tätig und wurde später als oberster Baubeamter des Landes auch Schöpfer des neuen Darmstadt. Neben seinen Bauwerken von kubisch-klassizistischer Strenge - z.B. Ludwigskirche in Darmstadt – wandte er sich der neuen Architekturströmung der Romantik zu. |
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(5) |
Siehe Heinrich Hübsch: In welchem Style sollen wir bauen? Karlsruhe 1828; Heinrich Hübsch: Bauwerke, Karlsruhe/Baden 1838 |
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(6) |
Karl Friedrich von Schinkel, 1834 von Kronprinz Maximilian von Bayern über das Ideal der Baukunst gefragt; aus: August Hahn: Der Maximilianstil, in: 100 Jahre Maximilianeum 1852-1952, Festschrift, Hrsg. H. Gollwitzer, München 1952, S. 87, Anm. 17. |
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(7) |
Bei Heinrich Hübsch entstand die Rundbogenstiltheorie aus dem prinzipiell praktisch-technischen Ansatz und dem damit eng verbundenen Postulat nach architektonischer Wahrheit. Dass dieser künftige Stil mit mittelalterlichen Vorbildern Ähnlichkeit hatte, war nach Hübsch rein zufällig. |
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(8) |
Zitiert nach Joachim Göricke: Die Kirchenbauten des Architekten Heinrich Hübsch. Studien zur Bauforschung Nr. 8, hrsg. Von Koldewey-Gesellschaft o.O. 1974, S 153. |
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(9) |
Leo von Klenze: Anweisung zur Architektur des christlichen Cultes, München 1835, S. 23. |
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(10) |
Der Turm war ursprünglich von einem Oktogon bekrönt, 1930 wurde dies abgetragen und durch einen quadratischen Bauteil ersetzt, dem wiederum zwei oktogonale Geschosse aufgesetzt wurden. |
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(11) |
Mit „byzantinischem Stil“ sind die Stile aus der Zeit vor der Gotik gemeint; zeitgenössischer Ausdruck. |
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(12) |
Der Maximilianstil war das Ergebnis eines Wettbewerbs zur Gestaltung der neuen Maximilianstraße in München, den König Maximilian II. von Bayern 1850 ausschrieb. Der damals „führende Kopf“ war Oberbaurat August von Voit, der im Auftrag des Königs die Ausschreibungstexte vorbereitete. Im Unterschied zum König bevorzugte Voit den Rundbogenstil, während Maximilian der gotisierenden Richtung Priorität einräumte. |

























